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abriss der lehre vom fegefeuer

In der lateinischen Kirchensprache wird das, was wir im Deutschen als »Fegefeuer« bezeichnen, Purgatorium, Ort der Reinigung bzw. Läuterung, genannt. Es handelt sich dabei um den zeitweilgen jenseitigen Zustand und Aufenthalt jener Menschenseelen, die zwar in der Gnade Gottes gestorben sind, aber mit noch nicht auf Erden abgebüßten zeitlichen Sündenstrafen oder mit noch nicht getilgten läßlichen Sünden behaftet sind, weshalb sie nach dem Tode noch einer jenseitigen befristeten Läuterung, Reinigung, Vervollkommnung bedürfen, ehe sie zur Anschauung Gottes im Himmel gelangen können.

Über Ort, dauer und Lebensform des Purgatoriums (Fegefeuer) besitzen wir keine unmittelbare oder eingehende Offenbarung. Da das Purgatorium nicht ewig ist und auch nicht dem irdischen Zeitverlauf angehört, sind die Armen Seelen ortsgebunden, jedoch nicht konkret ortsbestimmt (Schmaus 226).


Freilich läßt sich auf keine Weise sagen, wie sich eine etwaige Ortsgebundenheit tatsächlich vollzieht.

»Das Entscheidende liegt darin, dass das Purgatorium einen bestimmen Lebensvollzug nach dem Tod im Hinblick auf das Verhältnis des Menschen zu Gott darstellt. Wecher Art dieser ist, ist ein tiefes Geheimnis. Wir können jedoch versuchen, hierüber einige Aussagen zu machen, aufgrund der von der Schrift bezeugten Öffenbarung über die Rechtfertigung des Sünders, über den Sinn des todes, über die Vergebung der Süne, über die Liebe, über die Gerechtigkeit Gottes« (Schmaus 229).


Die Menschenseelen im Purgatorium wissen sich im Besitz der Kindschaft Gottes und leben im Frieden Gottes. Aber sie sind noch nicht reif für das unmittelbare Gespräch mit Gott, für den Himmel, in den nichts Unreines eingehen kann (Offb 21, 27). Das Konzil von Trient erklärte, dass es keinem Menschen möglich sei, ohne besondere Gnadenführung Gottes durch das ganze Leben hindurch alle läßlichen Sünden zu vermeiden. Der Grund dafür liegt in der Lehre von der Erbsünde bzw. ihren Folgen. Auch beim ernstlich nach Vollkommenheit strebenden Christen mischt sich unter den Weizen des Guten allzuleicht das Unkraut, z.B. in Form so mancher Egoismen, die sich auch in an sich gute Werke einschleichen können.

»Das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen darf und muß man auch vom Zusammen des Guten und des Bösen im einzelnen Menschen verstehen« (Schmaus 231).


Im Purgatorium wird der Mensch von allen Fehlhaltungen und ungeordneten Anhänglichkeiten, welche die Liebe zu Gott schmälern, gereinigt, gelöst, befreit, ebenso von etwa noch vorhandenen läßlichen Sünden; ferner werden noch vorhandene Sündenstrafen gebüßt.
Wenn es auch schwer ist, während des irdischen Lebens zur vollen Reife des Selbst zu kommen, ganz der zu werden, der der Mensch nach Gottes ewigem Willen sein soll, so wäre es doch eine Übertreibung, wollte man behaupten, dass der Weg in den Himmel notwendigerweise und immer durch das Purgatorium hindurchführe.

»Wie oft es einem Menschen tatsächlich gelingt, im Tod jene Vollkommenheit zu gewinnen, die ihn zum Dialog (Gespräch) mit dem sich unverhüllt schenkenden Gott befähigt, liegt völlig außerhalb dessen, was wir zu erkennen oder zu erfahren vermögen. Daß Gott hierzu auch nach dem Tode eine Chance gibt, ist eine besondere Gnade. Gäbe er sie nicht, müßte der Mensch im Zustand der Unreife erstarren« (Schmaus 232f.).


Weil der Mensch jenseits des Todes viel tiefer erkennt, was Gott für ihn bedeutet, empfindet er es als tiefen brennenden Schmerz, wenn er der beglückenden Gemeinschaft mit Gott noch nicht in vollendeter Weise fähig ist. Die in ihm glühende Liebe zu Gott läßt ihn seiner Unfertigkeit, seine Mangelhaftigkeit um so schmerzlicher erfahren, je mehr die Liebe zu Gott in ihm wächst. Je mehr sich jedoch der Mensch (Arme Seele) Gott öffnet und Gott sich ihm immer mehr mitteilt, desto mehr reift er der vollendeten Gemeinschaft mit Gott entgegen. Die Läuterung des Menschen im Purgatorium besteht so in der wachsenden Herrschaft der göttlichen Liebe im menschlichen Ich, während so der Mensch immer mehr von der Verfangenheit in sich selbst befreit wird. Die zunehmende Befreiung von der Vergangenheit in sich selbst ist ein beglückender Vorgang. Der Mensch weiß sich für immer von Gott und seiner Liebe angenommen.

»Die Befreiung des Menschen von der Verliebtheit in das eigene Ich ist eine BEfreiung zur wahren und vollkommenen Liebe und darin zu dem eigenen und wahren Selbst, zur wahren Gestalt des eigenen Ich« (Schmaus 233).


Zusammenfassend läßt sich sagen: die noch vorhandene Unfähigkeit zur ungetrübten, vollendeten Gemeinschaft mit Gott empfinder der Mensch als einen Mangel, der aus dem Menschen selbst hervorbricht. So leidet der Mensch an sich selbst.
Dieser Läuterungsprozeß bezieht sich nach dem bisher Gesagten auf die allmähliche Loslösung von sündigen Neigungen. Durch die Leiden im Purgatorium werden jedoch auch etwa noch vorhandene zeitliche Sündenstrafen gebüßt.
Wenn auch der Schmerz der Läuterung auf der unmittelbaren Erfahrung des selbstverschuldeten Widerspruchs zu Gottes Liebe und Heiligkeit beruht, so darf doch nicht übersehen werden, dass die Menschen im Purgatorium nicht ohne Freude sind.

»Die Freude ist im Läuterungszustand größer als jede irdische Freude. Schmerz und Glück verflechten sich in einer eigentümlichen, geheimnisvollen Weise. Der Grund ihrer überströmenden Freude ist ihre Liebe zu Gott und ihre Heilsgewißheit. Ihr Schicksal ist entschieden. Der Kampf ist gewonnen. Sie haben gesiegt. Sie sind Söhne und Töchter Gottes, die in Not sind, die aber zugleich im Triumph des Durchgangs zur Herrlichkeit stehen. Die ungeheure Spannung, in welcher der Mensch dem göttlichen Richterspruch entgegensieht, hat sich gelöst. Sogar ihre Pein wird für sie eine Quelle unsagbarer Freude. Sie leiden in voller Ergebung in Gottes Willen, in abgründer Liebe, in innigster Vereinigung mit Gott. Sie sind unfähig, irgendeine Sünde zu begehen. Die Liebe zu Gott macht sie hierfür unfähig. Sie beten in glühender Liebe das Geheimnis der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit an. Sie wollen ihr Leiden, weil sie den Umschmelzungsprozeß lieben, durch den sie für die Gottesschau reif werden. Es wäre eine unvorstellbare Qual für sie, wenn sie von diesem Verwandlungprozeß ausgeschlossen wären, weil dies für sie den ewigen Ausschluß von der Gottesschau bedeutete. Sie empfinden es als Glück und Seligkeit, daß ihnen die Gnade der schmerzhaften Verwandlung gegeben ist. So sind die ›Armen‹ Seelen zugleich die ›Reichen‹ Seelen.« (Schmaus 238).


Aber der Blick auf die tiefen Freuden der Armen Seelen darf uns nicht etwa verleiten, diese aus unserem Fürbittgebet auszuklammern. Weil der Mensch im Jenseits, also auch im Purgatorium, nichts Verdienstliches mehr tun oder wirken kann, auch nicht zur Wiedergutmachung dessen, wofür er im Purgatorium noch leidet und geläutert wird, sprechen wir von »Armen Seelen«.
Wohl aber können und sollen die lebenden Gläubigen auf Erden den Armen Seelen fürbittweise zu Hilfe kommen in ihrem schmerzlichen Läuterungszustand.

Es ist ständige Lehre und Praxis, ja Glaubenssatz der Kirche: Die lebenden Gläubigen können den Seelen im Fegefeuer durch ihre Fürbitte zu Hilfe kommen. Unter Fürbitten sind hier nicht nur eigenliche Fürbittgebete zu verstehen, sondern ebenso das heilige Meßopfer, Ablässe, Almosen und andere Werke der Frömmigkeit. Ob, wann und wie Gott die Fürbitten der Gläubigen auf Erden den Menschen im Purgatorium im Einzelfall zugute kommen läßt, ist Gott vorbehalten. Die Möglichkeit der auf Erden lebenden Gläubigen, den Armen Seelen durch Fürbitten zu helfen, liegt in der Wahrheit von der Gemeinschaft aller Gläubigen begründet: Alle durch die Erlösungsgnade Christi geheiligten Glieder des Gottesreiches auf Erden und im Jenseits stehen mit Christus, dem Haupt, und untereinander in einer übernatürlichen Lebensgemeinschaft. Wie die Gläubigen auf Erden füreinander beten können, so können diese auch für die Gläubigen im Purgatorium beten, denen wir dadurch nach Maßgabe des göttlichen Willens Freude, Trost und Hilfe vermitteln können. Sie warten sozusagen darauf. So sind z.B. der seligen Krezentia von Kaufbeuren oft die Seelen Verstorbener erschienen oder haben sich ihr bemerkbar gemacht, um die Selige um ihr Beten und Opfern für sie zu bitten.

Zur geistlichen Hilfe für die Armen Seelen soll uns die christliche Nächstenliebe Ansporn sein, ebenso die Liebe, mit der Gott selbst die Vollendung der Armen Seelen im Himmel wünscht. Es sei hier auch an das Herrenwort erinnert:
»Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40).
Aus der Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen darf man auch schließen, dass die noch im Purgatorium weilenden Menschen sich durch Jesus Christus auch hilfreich den Lebenden auf Erden zuwenden können durch ihre Fürbitte bei Gott.

Sie tun es besonders gerne für jene, die auch ihrer auf Erden betend gedenken. Ihre große Gottes- und Nächstenliebe kann nicht zur Untätigkeit verurteilt sein. Sie stehen ja in der Kindschaft und Freundschaft Gottes. Der hl. Pfarrer von Ars pflegte zu sagen:
»Wenn man wüßte, welche Macht diese guten Armen Seelen über das Herz Gottes haben, und wenn man wüßte, welche Gnaden man durch ihre Fürbitten erlangen kann, sie wären nicht so vergessen. Man muß viel für sie beten, damit sie viel für uns beten«.

Erst recht werden die Menschen im Purgatorium für uns beten, wenn sie dann zur Vollendung im Himmel gelangt sind.


 
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