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Thursday
Jul 29th
6. Wie nützlich es und verdienstlich es ist, den Armen Seelen zu helfen! PDF Drucken E-Mail

der sechste nutzen

Der sechste Nutzen ist der, dass jemand, der den Armen Seelen gewogen ist, sich den allerhöchsten Gott zum Freunde macht und ihm den höchsten Gefallen erzeigt. Dieser Nutzen soll als der größte Nutzen angesehen werden und von uns vor allen anderen zu Herzen genommen werden. Deswegen wollen wir ihn ausführlich erklären.

Wisse das die Armen Seelen im Fegefeuer die Freunde unseres lieben Gottes sind, und von ihm auf das innigste geliebt werden.
  • Gott der Vater liebt sie als seine herzliebsten Kinder.
  • Gott der Sohn liebt sie als seine herzliebsten Brüder und Schwestern.
  • Gott der Heilige Geist liebt sie als seine herzliebsten Bräute.
Wegen dieser ihrer Liebe wünschen sie einzig und allein diese ihre geliebten Kinder, Brüder und Bräute, bei sich zu haben, um sich mit ihnen in herzlichster Liebe und Seligkeit zu erfreuen. Genauso verlangen aber auch diese Seelen mit unbegreiflicher Begierde bei ihrem herzliebsten Gtt zu sein, und sich in der Anschauung seines allerliebsten Angesichtes zu erfreuen. Weil nun dieses wegen ihrer Sünden und Fehler noch nicht geschehen kann, sie vielmehr noch in trauriger Verbannung aufgehalten werden, darum hat Gott ein herzliches Mitleid mit ihnen, und wünscht sie in herzlichster Liebe aus ihrer Qual befreit zu sehen. Niemals wird eine Mutter ihr todkrankes Kind so sehr bedauern, als Gott die leidenden Seelen im Fegefeuer bedauert; und niemals wird eine liebreiche Mutter so gerne ihr sterbendes Kind gesund werden sehen, als Gott gerne sähe, dass seine liebsten Freunde aus der Pein erlöst würden.

Du möchtest aber sagen:
Wenn Gott die Seelen so gerne erlöst sähe, warum erlöst er sie dann nicht? Warum straft er sie dann so hart?

Ich antworte dir:
Gott kann die Seelen nicht vor der vollen Zahlung ihrer Schulden und vor der vollkommenen Reinigung ihrer Makeln erlösen, weil dieses seine Gerechtigkeit nicht zu läßt. Denn, wie Gott unendlich barmherzig ist, so ist er auch unendlich gerecht, und diese Gerechtigkeit muß er eben sowohl vollziehen, als die Barmherzigkeit zeigen. Denn, wenn er die Gerechtigkeit nicht übte, so wäre er gar nicht gerecht, weil er Niemanden der Gerechtigkeit gemäß strafe, vielmehr nach seiner großen Barmherzigkeit alles Böse ungestraft geschehen ließe. Weil nun Gott die hüchste Gerechtigkeit ist, deshalb muß er auch die Seelen nach der strengsten Gerechtigkeit strafen, obwohl er in Folge seiner Barmherzigkeit mit größtem Mitleid zu sieht, dass die Armen Seelen Strafe erdulden und mit unendlicher Begierde verlangt, dass die Strafe ein Ende nehme.

Genauso wie ein liebender Bräutigam mit heißem Verlangen wünscht, dass seine kranke Braut gesund werde, damit er sich bald mit ihr vermählen könne, deshalb auch gerne sieht, dass der Arzt starke Medizin anwendet, um ihr um so schneller zu helfen, und er mit seiner Braut ein herzliches Mitleid trägt, da er sieht, wie sehr die Medizin die Kranke angreift, so leidet er dieses doch gerne, weil er weiß, dass sie durch dieses Mittel um so schneller gesund wird, - ebenso verlangt auch der liebende Gott mit herzlichem Verlangen die Gesundheit seiner lieben Bräute, damit er sich bald mit ihnen vermählen kann, doch sieht seine Gerechtigkeit gerne, dass man bei ihnen starke Arzneien anwendet, damit sie um so schneller vollkommen gereinigt werden.

Weil der liebende Gott so herzlich nach der Erlösung der Seelen verlangt, deshalb gewährt es ihm die größte Freude, wenn jemand mit eifrigen Gebet um ihre Erlösung bei ihm anhält, damit er in diesem Mittel den Grund findet, sie ohne Nachteil seiner Gerechtigkeit zu erlösen. Selbst dann, wenn auch schon das eine oder andere gute Werk nicht mit ganz vollkommener Andacht verrichtet wird.

Wenn jemand eine Seele aus der Qual erlöst, so erweist er ihm einen unvergleichlich größeren Gefallen, als derjenige, welcher jemanden einer Mutter erweist, deren einzigen Sohn er aus einem brennenden Haus mit Gefahr des eigenen Lebens gerettet hätte. Er befördert dadurch auch die göttliche Ehre, weil er die Ursache ist, dass die erlöste Seele viel eher als es sonst geschehen wäre, den lieben Gott im Himmel anbetet, ehrt, lobt und liebt. Er bewirkt, dass die so lange verlangte Hochzeit der Braut mit Gott eher gehalten wird; er bewirkt, dass sich Gott mit höchster Freude erfreut, weil sein so geliebtes Kind endlich aus der Qual erlöst ist. Dieses ist Gott so angenehm, wie wenn jemand ihn selbst erlöst hätte. So sagte Jesus zur heiligen Gertrud:
Wenn jemand eine Seele erlöst, so tut er mir einen solchen Gefallen, als wenn er mich selbst vom Kreuz befreit hätte.
Diese Worte stimmen auch mit seiner eigenen Lehre überein:
Am jüngsten Tag nämlich wird er zu den Barmherzigen sagen:
Was ihr einem aus den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.
Weil du durch die Erlösung der Seelen dem lieben Gott eine solch große Freude bereitest, so kannst du auch denken, wie reichlich er dich belohnen wird. Denk auch daran, welch große Gunst du bei ihm erlangst, und wie er dir in Gnaden gewogen sein wird. Gott Vater wird dir geneigt sein, weil du seine lieben Kinder erlöst hast. Gott Sohn wird dir geneigt sein, weil du seine lieben Brüder erlöst hast. Gott der Heilige Geist wird dir geneigt sein, weil du seine lieben Bräute erlöst hast. Die Mutter Gottes wird dir geneigt sein, weil du ihre lieben Kinder erlöst hast. Die Schutzengel der erlösten Seelen werden dir geneigt sein, weil du ihre Pflegekinder erlöst hast. Endlich werden dir alle lieben Heiligen geneigt sein, weil du durch die Erlösung der Seelen ihre Zahl vermehrt und ihre Freude vergrößert hast. Denn, so oft eine Seele in den Himmel kommt, so oft haben alle Heiligen neue Freude und halten einen besonderes Dank und Freudenfest.

Weil du durch die Erlösung der Armen Seelen so große Freude im Himmel bereitest, und dir auch so große Gunst bei Gott und bei allen Heiligen erwirbst, so bemühe dich, dass du in deinem Leben viele Seelen oder mindestens eine Seele aus dem Fegefeuer erlöst und sie zu den ewigen Freuden führst.
Dies gebe dir der liebe Gott. Amen.



 
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