der erste nutzen.Der erste Nutzen und Vorteil, welcher derjenige erlangt, der fleißig für die Armen Seelen betet ist, dass er dadurch viel mehr verdient, als wenn er für sich selbst betet.
- Wenn du für dich betest, so übst du dich im Werk der eigenen Liebe, welches an sich keine Tugend, sondern ein natürliches Werk ist. Wenn du aber für die Armen Seelen betest, so übst du ein Werk der Liebe Gottes und des Nächsten, - Gott nämlich, weil Gott großes verlangen nach der Erlösung dieser seiner lieben Seelen und ein herzliches Wohlgefallen hat, wenn man fleißig für sie betet; - des Nächsten aber, weil diese notleidenden Seelen dein Gebet so sehr benötigen, und einen solchen Trost aus dem selben empfangen. Wie verdienstlich aber nur ein Werk solch großer Liebe ist, kannst du daraus erkennen, weil die Werke, die jemand den Armen Seelen aus Liebe verrichtet, eine Tat der vortrefflichen Liebe ist, welche nicht ihren eigenen Nutzen, sondern den Nutzen eines anderen sucht; denn du beraubst dich des Verdienstes deines Gebetes, welches du ohne Zweifel selber benötigst und schenkst das selbe den Armen Seelen. Dieses ist ein solches Werk der Liebe, wie wenn ein Hungriger sich seines Brotes enhält und es einem anderen, der größeren Hunger hat, abgibt; oder wenn jemand im Winter sich seiner Kleider beraubt, um sie einem Nackten zu schenken. Wie diese zwei Handlunken Werke einer großen Barmherzigkeit sind, so ist es auch ein barmherziges Werk sich selbst seines Verdienstes zu berauben und das selbe aus Liebe den Armen Seelen zu schenken.
- Das Almosen, welches man einem Armen gibt, ist um vieles verdienstlicher, wenn es einem Bedürftigen in seiner äußersten Not gegeben wird. Wer aber, ist in größerer Not, als die Armen Seelen im Fegefeuer? Welche Not ist mit ihrer Not zu vergleichen? Welche Schmerzen sind gegen ihre Schmerzen zu rechnen? Sie sind aber nicht allein in der äußersten Not, sondern sie können auch sich selbst nicht im geringsten helfen. Sie sind so arm, dass sie nicht einen Heller mehr haben, ihre Schuld zu bezahlen, nicht einen Bissen Brot, ihren Hunger zu stillen, nicht einen Tropfen Wasser, ihren Durst zu löschen, nicht einen einzigen Faden, ihre Blöße zu bedecken. Ja, sie können noch nicht ein Mal ihre Not jemanden klagen, weil sie von uns geschieden sind. Ist also diesen in Not liegenden Armen Seelen kein großes Werk der Barmherzigkeit und der christlichen Liebe? Diesen in der höchsten Armut befindlichen seine eigenen Verdienste als ein Almosen schenken, ist das nicht ein Werk der Barmherzigkeit?
Du wirst vielleicht sagen: "Wenn ich meine Verdienste weg schenke, so habe ich ja nichts übrig, meine eigenen Schulden zu bezahlen." Ich aber sage dir, dass dir deine Verdienste hier durch nicht verloren gehen, sondern eher vergrößert werden, gleichwie das Almosengeben den Menschen nicht ärmer, sondern reicher macht, weil Gott es reichlich zu belohnen versprochen hat. Ebenso wird auch dich dieses geistliche Almosen deiner Verdienste nicht berauben, sonder dich mit mehreren bereichern. Es ist wahr, dass wenn du deine Verdienste einer Armen Seele schenkst, dieselben nicht nur dir, sonder der Armen Seele hauptsächlich zu Gute kommen. Das Werk aber, der christlichen Liebe, welches du dabei ausübst, bewirkt bei Gott, dass er dir einen größeren Lohn dafür geben wird, als alle deine verschenkten Verdienste Wert waren.
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